Ev. ref. Kirchengemeinden
Immenhausen und Mariendorf
Bartholomäus Riseberg
Zur Übergabe des von dem russischen Bildhauer Roman Krasnitzki geschaffenen Riseberg-Denkmals an die Stadtbevölkerung von Immenhausen durch Bischof Dr. Martin Hein am 6. September 2002 soll hier über den Luther-Schüler Bartholomäus Riseberg und sein Werk etwas ausführlicher berichtet werden. Die Darstellung seines Wirkens erscheint uns auch deshalb gerechtfertigt, weil Riseberg am Anfang der evangelischen Gemeinde in Immenhausen steht. Er verbreitete damals wesentliches Gedankengut der neuen Lehre unter der Stadtbevölkerung und in Nordhessen und erhielt dafür sogar von offizieller Seite Zustimmung und Anerkennung. Schließlich musste der überzeugte Streiter für die Ideen seines Wittenberger Lehrers doch vor der gegen ihn entschlossen handelnden hessischen Staatsgewalt weichen.
Der Hinweis der älteren Literatur zur Landesgeschichte, in Immenhausen habe die erste evangelische Predigt in Hessen stattgefunden, muss revidiert werden. Riseberg war zwar ein früher Verfechter des Wortes Luthers, am Anfang der reformatorischen Bewegung in Hessen hat er aber nicht gestanden. Nach Schmitt (1926) waren vor ihm im Sinne des Mannes aus Wittenberg Hartmann Ibach in Marburg (1520), Heinrich Fuchs in Hersfeld (1520/21), Johann Angrundt in Kassel-Neustadt (1521), Georg Witzel in Vacha (1521) und Tilemann Schnabel, der Lutherschüler aus Erfurt und Wittenberg, in Alsfeld (1521) tätig, und auch in Fritzlar wurden im selben Jahr die Stiftspfarrer Johannes Baune und Johannes Huen gegen das Papsttum aktiv. Ihnen folgten die Seelsorger des Augustinerinnenklosters, Johannes Hefentreger, im benachbarten Wildungen Stephan Rullen und in Affoldern Hermann Hane. Im Jahre 1522 predigte in der Domstadt auch Jost Rucke »für die Bürgerschaft hinreißend« im neuen Sinne. Vor Riseberg setzte sich wohl auch noch Johannes Fritsch in Zella bei Ziegenhain für die evangelische Sache ein. Der Immenhäuser Reformator stand zeitlich also zwischen den beiden bedeutenden Predigern Tilemann Schnabel und dem für Hessen später so wichtig werdenden Adam Krafft aus Fulda. Mit diesen beiden hat Riseberg gemeinsam, ebenfalls Lutherschüler gewesen zu sein und den Kreis der Reformatoren in Wittenberg persönlich gekannt zu haben.
Bartholomäus Riseberg war gebürtiger Altmärker. Er kam am 24. August 1492 in Mieste bei Gardelegen als Sohn eines Bauern zur Welt. 14 Tage vor der Niederkunft der Mutter starb der Vater. Der Knabe wuchs dann, da ihn der spätere Stiefvater nicht mochte, bei seinem Großvater in Wernitz auf. Der Junge wurde hier mit allen landwirtschaftlichen Arbeiten vertraut gemacht und gut erzogen. Erst als Siebzehnjähriger erhielt Riseberg, wohl auf eigenes Drängen hin, eine schulische Ausbildung. In die Anfänge des Schreibens und Lesens führte ihn der Küster aus Mieste ein. Durch den Eifer des Knaben war bald ein Wechsel zur Schule nach Gardelegen möglich. Ab 1516 arbeitete Riseberg als Hilfslehrer in Oebisfelde, Ruppin, Brandenburg, Wittstock und Berlin. Im Jahre 1518 war der junge Mann in Wittenberg immatrikuliert. Der Student hörte vor allem bei Luther. Nach einem Jahr nahm er aber die Schularbeit wieder auf, 1519 in Güstrow und 1520 in Gardelegen. Von 1521 bis zur Abreise Luthers nach Worms war Riseberg wieder Student in Wittenberg. Dann folgte abermals eine Schultätigkeit, und zwar wieder in Berlin.
Bei einem Besuch in Gardelegen geriet der Luther-Anhänger mit der dortigen Priesterschaft in Konflikt. Er trat im Sinne seines Lehrers öffentlich gegen den Papst auf. Der Ketzer wurde deshalb exkommuniziert und aus den Kirchen der Stadt und der Umgebung verwiesen. Trotz dieses Verbotes stand er Pfingsten 1522 in Weteritz auf der Kanzel.
Nach einem abermaligen kurzen Aufenthalt in Wittenberg nahm Riseberg dann eine Prädikantenstelle im Nonnenkloster St. Agnes in Magdeburg an. Auch hier war aus seinen Predigten bald die lutherische Auffassung herauszuhören, so dass er wegen Missachtung der päpstlichen Grundsätze vor einem geistlichen Gericht verklagt wurde. Mit Unterstützung des Mühlenvogtes gelang es ihm jedoch, die Stadt zu verlassen. Im Krug zu Wanzleben (bei Magdeburg) traf der Flüchtende auf einen Hessen, vermutlich aus Immenhausen. Dieser versprach ihm seine Unterstützung, falls er ihn begleitete.
Riseberg gelangte so nach Immenhausen, wo er Ende 1522 oder Anfang 1523 eintraf. Er predigte hier zunächst bei Hausandachten, bald aber auch in einer Kapelle. Die große Zahl von Anhängern erzwang schließlich die Benutzung der Stadtkirche St. Georg. Kurz nach dieser Aufwertung berief ihn der Rat der Stadt, offenbar durch seine rhetorischen Fähigkeiten beeindruckt, zum offiziellen Prediger. Dieser Beschluss überschritt aber die Kompetenz der Verantwortlichen – das Kirchenpatronat lag beim Landesherren – und verschärfte den bereits bestehenden Konflikt mit dem amtierenden Stadtpfarrer, einem Mönch, und führte zur öffentlichen Auseinandersetzung. Als Riseberg schließlich dem am Vormittag die Messe lesenden Papstanhänger in seine Ausführungen hineinredete, verklagte dieser seinen Widersacher. Riseberg wurde daraufhin durch einen päpstlichen Legaten mit dem Bann belegt. Landgraf Philipp billigte die Maßnahme und ließ den unrechtmäßig ins Amt berufenen Unruhestifter am 12. Juni 1523 in der Kirche verhaften und durch Reiter nach Grebenstein in den Turm bringen. Da man sich offenbar nicht einig war, wie mit dem Inhaftierten zu verfahren sei, gelang es dem stark abgemagerten Häftling nach fünf Wochen, sich durch Mithilfe von außen, wohl aus Immenhausen, zu befreien und nach Wittenberg zu entkommen. Nach einer kurzen Erholungszeit empfahl Luther den Zurückgekehrten nach Seyda bei Wittenberg. Trotz der schlechten Verhältnisse hielt er es dort ab 1526(7) dreizehn Jahre aus und führte die Gemeinde zur Blüte.
Vermutlich hat Riseberg in Seyda geheiratet. Der Name seiner Ehefrau ist aber nicht überliefert. Bekannt ist nur, dass er von hier mit seiner Frau und fünf Söhnen (Paulus, Johannes, Bartholomeus, Philippus und Stephanus) nach Gardelegen übergesiedelt ist. In Seyda erreichten den Geistlichen auch die fünf Gulden Gehalt aus seiner Immenhäuser Tätigkeit, die ihm Landgraf Philipp nach seinem Übertritt zur Reformation bewilligt hatte und nachsenden ließ. Er bat ihn auch, doch wieder nach Hessen zurückzukehren. Luther riet seinem Schüler von einem derartigen Schritt aber ab; offenbar traute er dem Gesinnungswechsel des noch jungen Landgrafen nicht.
Im November 1539 fand Riseberg dann als Pfarrer und später Superintendent seine Lebensstellung in Gardelegen Er hielt hier am 11. November seine Antrittspredigt und wirkte unter zunächst großen Schwierigkeiten, später aber unter hoher Anerkennung der Gemeinde und seiner Vorgesetzten, bis zu seinem Tod. Sein Bild und der Grabstein in der Marienkirche bezeugen das.
Auf seinem Konterfei, das bereits im Todesjahr Risebergs entstanden ist, hat der unbekannte Maler links im Hintergrund neben dem Haupt des Geistlichen in einem verzierten Oval seinen Leitspruch festgehalten. Der Text stammt aus der letzten Strophe des Luther-Liedes »Nun freut euch, lieben Christengemein« und lautet:
Konterfei Risebergs
(unbekannter Künstler, 1566)
MONITUM EIUS
Bhüt dich for der
Menschen Gsatz
Davon Vedirbt der
edle Schatz. Das laß
ich dir zur letzte.
Unter dem Bild stehen die Worte:
BARHOLOMAEUS RISEBERGIUS
GARDELEGIAE PRIMUS EVANGELI PRAECO
ET SUPERINTENDENS
NATUS 1492 Mistae natVs erat RisebergIVs In CLVtVs ILLe
Nostrae qVI LVCIs Lator et aVtor erat.
VOCATUS 1539. Mysta Del pVr Vs fVlt & VoX prae Vla nobis
DENATUS 1566. DIXerat at repetens aethera Morte VaLe
nach dem alten Conrafact 1566 Renov. 1695
Der Text heißt zu deutsch:
Bartholomäus Riseberg
in Gardelegen erster Verkünder des Evangeliums
und Superintendent.
Er ist geboren 1492 in Miste und war jener berühmte Riseberg,
der ein Träger und Mehrer unsers Lichtes war.
Er wurde 1539 berufen. Er war ein lauterer Myste
und eine wegweisende Stimme für uns.
Er starb 1566. Er hatte gesagt, als er verschied [den Himmel erstrebte]: Leb wohl Tod!
Riseberg, der Träger und Mehrer des Lichtes – so hat ihn auch der Maler gesehen und dargestellt! Leuchter und Licht rechts neben dem Reformator machen das augenscheinlich. Riseberg selbst empfand das Erdendasein als Tod. Das Leben begann für ihn erst nach seinem Scheiden aus der Welt. Anders können seine letzten Worte kaum gedeutet werden. Die lateinischen Disticha (Zeile 1 und 2, 3, 4) sind Chronosticha und lauten
1492, 1539, 1566.
Auch der Grabstein Risebergs teilt bedeutende Lebensdaten mit:
D[OMI]N[US] BARTOLEMAEUS RISEBERG SENIOR
PRIMUS PASTOR LUCIS EUAGELII
REPURGAUIT DOCTR.
1539. 11 NOVEMB.
OBIIT 1566. 10 SEXTIL. AETATIS SUAE 74.
Übersetzt lauten die Worte:
Der Herr Bartolemäus Riseberg der Ältere
hat als erster Pastor die Lehre des Lichts des Evangeliums
erneuert, [und zwar] am 11. November 1539. Er starb 1566, am 10. August in seinem 74. Lebensjahr.
Risebergs Wirken in Immenhausen hat ebenfalls einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Das dokumentieren eine annalistische Eintragung in der 1975 entdeckten und identifizierten Gutenberg-Bibel und eine Inschrift aus dem ehemaligen Emporengebälk vom Jahre 1559. Die Bibeleintragung am Ende des 4. Esra-Buches entstand in zwei Schreibvorgängen über Ereignisse der Jahre 1523 bis 1529. Der Riseberg betreffende Teil ist in lateinischer Sprache abgefasst und heißt übersetzt:
Im Jahre des Herrn 1523 begann in Immenhausen das Wort
des Herrn zu leuchten. Zunächst murrten [einige] Gottlose
[Böse]. Sie brachten Berthold, den evangelischen Prediger
der Wahrheit, ins Gefängnis, aus dem er jedoch befreit
wurde und ins Ausland entkam.
Der Text aus dem Emporengebälk ist in deutscher Sprache abgefasst. Er stammt von einem Nachfolger Risebergs in Immenhausen. Die Worte sind gereimt und lauten:
Der du o her dem hessen landt
Dein gotlich Lher hast zugesandt
In diesser Stadt erst gefangen an
Du wollest mit gnad stets bie uns stan
Fhur uns den wegk zum Himmel zu
Vor falschem stegk uns behuten thu
Helff uns o Jesu Christ erwerben
Das himmelrich wen wir sterben. Amen.
Wertet man die bekannten Fakten kurz, dann ist festzustellen, dass Riseberg zu den bedeutenden
Reformatoren im Umkreis Luthers zählte. Bereits sein kurzes Wirken in Immenhausen hat eine nachhaltige Wirkung
hinterlassen. Obwohl die überlieferten Quellen über sein Wirken in der Stadt dürftig sind, kann das mit Sicherheit
gesagt werden. Bedeutsamer war Risebergs Tätigkeit in seiner Heimatstadt Gardelegen. Hier hat er gegen
erhebliche Widerstände immer wieder öffentlich gegen die alte Lehre und für das lutherische Gedankengut Stellung
bezogen. Über dieses Engagement ist in seiner Vita, von einem seiner Söhne verfasst und in der Deutschen
Staatsbibliothek in Berlin aufbewahrt, in überzeugender Weise berichtet worden.