Ev. ref. Kirchengemeinden
Immenhausen und Mariendorf



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Bartholomäus Riseberg - der erste evangelische Prediger in Immenhausen

von Friedrich-Karl Baas

Bartholomäus Riseberg Bartholomäus Riseberg

Zur Über­gabe des von dem russi­schen Bild­hauer Roman Kras­nitzki geschaf­fenen Rise­berg-Denk­mals an die Stadt­bevöl­kerung von Immen­hausen durch Bischof Dr. Martin Hein am 6. September 2002 soll hier über den Luther-Schüler Bar­tholo­mäus Rise­berg und sein Werk etwas ausführ­licher berichtet werden. Die Darstel­lung seines Wirkens erscheint uns auch deshalb gerecht­fertigt, weil Rise­berg am Anfang der evange­lischen Gemeinde in Immen­hausen steht. Er verbrei­tete damals wesent­liches Gedan­kengut der neuen Lehre unter der Stadt­bevölke­rung und in Nord­hessen und erhielt dafür sogar von offizieller Seite Zustim­mung und Aner­kennung. Schließ­lich musste der über­zeugte Streiter für die Ideen seines Witten­berger Lehrers doch vor der gegen ihn ent­schlos­sen handelnden hessi­schen Staats­gewalt weichen.

Der Hinweis der älteren Lite­ratur zur Landes­ge­schichte, in Immen­hausen habe die erste evan­geli­sche Predigt in Hessen statt­ge­funden, muss revi­diert werden. Rise­berg war zwar ein früher Ver­fech­ter des Wortes Luthers, am Anfang der refor­mato­rischen Bewe­gung in Hessen hat er aber nicht gestanden. Nach Schmitt (1926) waren vor ihm im Sinne des Mannes aus Witten­berg Hart­mann Ibach in Marburg (1520), Hein­rich Fuchs in Hers­feld (1520/21), Johann Angrundt in Kas­sel-Neu­stadt (1521), Georg Witzel in Vacha (1521) und Tile­mann Schnabel, der Luther­schüler aus Erfurt und Witten­berg, in Alsfeld (1521) tätig, und auch in Fritzlar wurden im selben Jahr die Stifts­pfarrer Johannes Baune und Johannes Huen gegen das Papsttum aktiv. Ihnen folgten die Seel­sorger des Augus­tine­rinnen­klosters, Johannes Hefen­treger, im benach­barten Wildungen Stephan Rullen und in Affol­dern Hermann Hane. Im Jahre 1522 predigte in der Domstadt auch Jost Rucke »für die Bürger­schaft hinrei­ßend« im neuen Sinne. Vor Rise­berg setzte sich wohl auch noch Johannes Fritsch in Zella bei Ziegen­hain für die evan­geli­sche Sache ein. Der Immen­häuser Refor­mator stand zeit­lich also zwischen den beiden bedeu­tenden Predi­gern Tile­mann Schnabel und dem für Hessen später so wichtig werden­den Adam Krafft aus Fulda. Mit diesen beiden hat Rise­berg gemein­sam, eben­falls Luther­schüler gewesen zu sein und den Kreis der Refor­matoren in Witten­berg persön­lich gekannt zu haben.

Bar­tholo­mäus Rise­berg war gebür­tiger Alt­märker. Er kam am 24. August 1492 in Mieste bei Garde­legen als Sohn eines Bauern zur Welt. 14 Tage vor der Nieder­kunft der Mutter starb der Vater. Der Knabe wuchs dann, da ihn der spätere Stief­vater nicht mochte, bei seinem Groß­vater in Wernitz auf. Der Junge wurde hier mit allen land­wirt­schaft­lichen Arbeiten vertraut gemacht und gut erzogen. Erst als Sieb­zehn­jäh­riger erhielt Rise­berg, wohl auf eigenes Drängen hin, eine schu­lische Ausbil­dung. In die Anfänge des Schrei­bens und Lesens führte ihn der Küster aus Mieste ein. Durch den Eifer des Knaben war bald ein Wechsel zur Schule nach Garde­legen möglich. Ab 1516 arbei­tete Rise­berg als Hilfs­lehrer in Oebis­felde, Ruppin, Branden­burg, Witt­stock und Berlin. Im Jahre 1518 war der junge Mann in Witten­berg imma­triku­liert. Der Student hörte vor allem bei Luther. Nach einem Jahr nahm er aber die Schul­arbeit wieder auf, 1519 in Güstrow und 1520 in Garde­legen. Von 1521 bis zur Abreise Luthers nach Worms war Rise­berg wieder Student in Witten­berg. Dann folgte aber­mals eine Schul­tätig­keit, und zwar wieder in Berlin.

Bei einem Besuch in Garde­legen geriet der Luther-An­hänger mit der dortigen Priester­schaft in Konflikt. Er trat im Sinne seines Lehrers öffent­lich gegen den Papst auf. Der Ketzer wurde deshalb exkom­muni­ziert und aus den Kirchen der Stadt und der Umge­bung verwiesen. Trotz dieses Verbotes stand er Pfingsten 1522 in Weteritz auf der Kanzel.

Nach einem aber­maligen kurzen Aufent­halt in Witten­berg nahm Rise­berg dann eine Prädi­kanten­stelle im Nonnen­kloster St. Agnes in Magde­burg an. Auch hier war aus seinen Pre­digten bald die luthe­rische Auffas­sung heraus­zu­hören, so dass er wegen Miss­achtung der päpst­lichen Grund­sätze vor einem geist­lichen Gericht verklagt wurde. Mit Unter­stützung des Mühlen­vogtes gelang es ihm jedoch, die Stadt zu ver­lassen. Im Krug zu Wanz­leben (bei Magde­burg) traf der Flüch­tende auf einen Hessen, vermutlich aus Immen­hausen. Dieser ver­sprach ihm seine Unter­stüt­zung, falls er ihn beglei­tete.

Rise­berg gelangte so nach Immen­hausen, wo er Ende 1522 oder Anfang 1523 ein­traf. Er pre­digte hier zunächst bei Haus­an­dachten, bald aber auch in einer Kapelle. Die große Zahl von Anhän­gern erzwang schließ­lich die Benut­zung der Stadt­kirche St. Georg. Kurz nach dieser Auf­wer­tung berief ihn der Rat der Stadt, offenbar durch seine rheto­rischen Fähig­keiten beein­druckt, zum offi­ziellen Pre­diger. Dieser Beschluss über­schritt aber die Kompe­tenz der Verant­wort­lichen – das Kirchen­patronat lag beim Landes­her­ren – und ver­schärf­te den bereits beste­henden Konflikt mit dem amtie­renden Stadt­pfarrer, einem Mönch, und führte zur öffent­lichen Ausein­ander­setzung. Als Rise­berg schließ­lich dem am Vor­mittag die Messe lesenden Papst­an­hänger in seine Ausfüh­rungen hinein­redete, verklagte dieser seinen Wider­sacher. Rise­berg wurde darauf­hin durch einen päpst­lichen Legaten mit dem Bann belegt. Land­graf Philipp billigte die Maß­nahme und ließ den unrecht­mäßig ins Amt beru­fenen Unruhe­stifter am 12. Juni 1523 in der Kirche verhaften und durch Reiter nach Greben­stein in den Turm bringen. Da man sich offen­bar nicht einig war, wie mit dem Inhaf­tierten zu verfahren sei, gelang es dem stark abge­magerten Häft­ling nach fünf Wochen, sich durch Mithilfe von außen, wohl aus Immen­hausen, zu befreien und nach Witten­berg zu entkom­men. Nach einer kurzen Erho­lungs­zeit empfahl Luther den Zurück­ge­kehrten nach Seyda bei Witten­berg. Trotz der schlech­ten Verhält­nisse hielt er es dort ab 1526(7) drei­zehn Jahre aus und führte die Gemeinde zur Blüte.

Vermut­lich hat Rise­berg in Seyda gehei­ratet. Der Name seiner Ehefrau ist aber nicht über­lie­fert. Bekannt ist nur, dass er von hier mit seiner Frau und fünf Söhnen (Paulus, Johan­nes, Bar­tholo­meus, Phi­lippus und Stepha­nus) nach Garde­legen über­ge­siedelt ist. In Seyda erreich­ten den Geist­lichen auch die fünf Gulden Gehalt aus seiner Immen­häuser Tätig­keit, die ihm Land­graf Philipp nach seinem Über­tritt zur Refor­mation bewil­ligt hatte und nach­senden ließ. Er bat ihn auch, doch wieder nach Hessen zurück­zu­kehren. Luther riet seinem Schüler von einem derar­tigen Schritt aber ab; offen­bar traute er dem Gesin­nungs­wechsel des noch jungen Land­grafen nicht.

Im November 1539 fand Rise­berg dann als Pfarrer und später Super­inten­dent seine Lebens­stel­lung in Garde­legen Er hielt hier am 11. November seine Antritts­predigt und wirkte unter zunächst großen Schwie­rig­keiten, später aber unter hoher Aner­kennung der Gemeinde und seiner Vorge­setzten, bis zu seinem Tod. Sein Bild und der Grab­stein in der Marien­kirche bezeugen das.

Auf seinem Kon­terfei, das bereits im Todes­jahr Rise­bergs ent­standen ist, hat der unbe­kannte Maler links im Hinter­grund neben dem Haupt des Geist­lichen in einem ver­zierten Oval seinen Leit­spruch fest­ge­halten. Der Text stammt aus der letzten Strophe des Luther-Liedes »Nun freut euch, lieben Chris­ten­gemein« und lautet:

Konterfei Risebergs Konterfei Risebergs
(unbekannter Künstler, 1566)

MONITUM EIUS
Bhüt dich for der
Menschen Gsatz
Davon Vedirbt der
edle Schatz. Das laß
ich dir zur letzte.

Unter dem Bild stehen die Worte:

BARHOLOMAEUS RISEBERGIUS
GARDELEGIAE PRIMUS EVANGELI PRAECO
ET SUPERINTENDENS
NATUS 1492 Mistae natVs erat RisebergIVs In CLVtVs ILLe
Nostrae qVI LVCIs Lator et aVtor erat.
VOCATUS 1539. Mysta Del pVr Vs fVlt & VoX prae Vla nobis
DENATUS 1566. DIXerat at repetens aethera Morte VaLe
nach dem alten Conrafact 1566   Renov. 1695

Der Text heißt zu deutsch:

Bartholomäus Riseberg
in Gardelegen erster Verkünder des Evangeliums
und Superintendent.
Er ist geboren 1492 in Miste und war jener berühmte Riseberg,
der ein Träger und Mehrer unsers Lichtes war.
Er wurde 1539 berufen. Er war ein lauterer Myste
und eine wegweisende Stimme für uns.
Er starb 1566. Er hatte gesagt, als er verschied [den Himmel erstrebte]: Leb wohl Tod!

Rise­berg, der Träger und Mehrer des Lichtes – so hat ihn auch der Maler gese­hen und darge­stellt! Leuchter und Licht rechts neben dem Refor­mator machen das augen­schein­lich. Rise­berg selbst empfand das Erden­dasein als Tod. Das Leben begann für ihn erst nach seinem Scheiden aus der Welt. Anders können seine letzten Worte kaum gedeutet werden. Die latei­ni­schen Disticha (Zeile 1 und 2, 3, 4) sind Chronos­ticha und lauten

1492, 1539, 1566.

Auch der Grabstein Risebergs teilt bedeutende Lebensdaten mit:

D[OMI]N[US] BARTOLEMAEUS RISEBERG SENIOR
PRIMUS PASTOR LUCIS EUAGELII
REPURGAUIT DOCTR.
1539. 11 NOVEMB.
OBIIT 1566. 10 SEXTIL. AETATIS SUAE 74.

Übersetzt lauten die Worte:

Der Herr Bartolemäus Riseberg der Ältere
hat als erster Pastor die Lehre des Lichts des Evangeliums
erneuert, [und zwar] am 11. November 1539. Er starb 1566, am 10. August in seinem 74. Lebens­jahr.

Rise­bergs Wirken in Immen­hausen hat eben­falls einen nach­hal­tigen Eindruck hinter­lassen. Das doku­men­tieren eine anna­lis­tische Eintra­gung in der 1975 ent­deck­ten und iden­tifi­zierten Guten­berg-Bibel und eine In­schrift aus dem ehema­ligen Emporen­gebälk vom Jahre 1559. Die Bibel­ein­tragung am Ende des 4. Esra-Buches entstand in zwei Schreib­vor­gängen über Ereig­nisse der Jahre 1523 bis 1529. Der Rise­berg betref­fende Teil ist in latei­ni­scher Sprache abge­fasst und heißt über­setzt:

Im Jahre des Herrn 1523 begann in Immenhausen das Wort
des Herrn zu leuchten. Zunächst murrten [einige] Gottlose
[Böse]. Sie brachten Berthold, den evangelischen Prediger
der Wahrheit, ins Gefängnis, aus dem er jedoch befreit
wurde und ins Ausland entkam.

Der Text aus dem Emporen­gebälk ist in deutscher Sprache abge­fasst. Er stammt von einem Nach­folger Rise­bergs in Immen­hausen. Die Worte sind gereimt und lauten:

Der du o her dem hessen landt
Dein gotlich Lher hast zugesandt
In diesser Stadt erst gefangen an
Du wollest mit gnad stets bie uns stan
Fhur uns den wegk zum Himmel zu
Vor falschem stegk uns behuten thu
Helff uns o Jesu Christ erwerben
Das himmelrich wen wir sterben. Amen.

Wertet man die bekannten Fakten kurz, dann ist fest­zu­stellen, dass Rise­berg zu den bedeu­tenden Refor­ma­toren im Umkreis Luthers zählte. Bereits sein kurzes Wirken in Immen­hausen hat eine nach­haltige Wirkung hinter­lassen. Obwohl die über­lie­ferten Quellen über sein Wirken in der Stadt dürftig sind, kann das mit Sicher­heit gesagt werden. Bedeut­samer war Rise­bergs Tätig­keit in seiner Heimat­stadt Garde­legen. Hier hat er gegen erheb­liche Wider­stände immer wieder öffent­lich gegen die alte Lehre und für das luthe­rische Gedan­kengut Stellung bezogen. Über dieses Enga­ge­ment ist in seiner Vita, von einem seiner Söhne verfasst und in der Deut­schen Staats­biblio­thek in Berlin aufbe­wahrt, in über­zeu­gender Weise berichtet worden.

Literaturhinweise:

Bildnachweis:

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